Berlin: Auf dem Teufelsberg, dem letzten Hügel vor Moskau

By | June 29, 2012

Vom Berliner Teufelsberg aus horchten die Alliierten in den Ostblock hinein. Heute führt ein Exsoldat durch die Ruinen der Abhörstation

Zum ersten Mal nach der Schließung der Spionagestation auf dem Berliner Teufelsberg vor 20 Jahren werden Führungen auf dem Gelände der Ruine durch den Stadtführer Andreas Jüttemann und der Sicherheitsfirma Emge angeboten.

Es geht durch den Wald, auf eine Anhöhe zu, bis vor eine Absperrung. Zwei uniformierte Wachleute rollen ein schweres Eisentor zur Seite. Schon ist man drin – im ehemaligen Sperrgebiet, topsecret, das früher nur Nachrichtendienstlern offen stand. Inmitten der alten West-Berliner Ausflugsoase Grunewald war es mit doppeltem Zaun und Stacheldraht von der Umgebung abgeschirmt: Die Abhörstation der Amerikaner und Briten auf dem Teufelsberg galt als Vorposten des Westens im Kalten Krieg, als großes Ohr Richtung Ostblock.

Die Sicherheitsleute vergeben Besucherausweise. Unwillkürlich fühlt man sich privilegiert. Nun trägt man am Revers die Lizenz zum Schnüffeln. Die ist nötig, um das verlassene, knapp fünf Hektar große Gelände legal erkunden zu können. Inzwischen befindet es sich in Privatbesitz. Die zwei Wachmänner sollen verhindern, dass Neugierige durch die Zäune schlüpfen. Durchtrennte Maschen und herumliegende Flaschen zeigen: Sie kämpfen auf verlorenem Posten. In den vergangenen 20 Jahren ist die einst streng gehütete Anlage zur Ruine heruntergekommen. Mittlerweile haben Scharen sogenannter Urban Explorers das Gelände entdeckt – in der Hoffnung, dort noch etwas historischen Schauer spüren zu können.

Etwa 40 Menschen zahlen an diesem Sonntagnachmittag für den ordnungsgemäßen Zutritt – und für Christopher McLarren, der hier, an seinem ehemaligen Arbeitsplatz, eine Art Insider-Führung anbietet. Ein paar junge Touristen sind gekommen, Leute, die Ruinen mögen oder sich für Militärgeschichte interessieren, auch einige ältere Westberliner. Seit Jahrzehnten kennen sie die Anlage mit den runden weißen Kuppeln, die wie monströse Golfbälle über die Wipfel des Grunewalds hinausragen. Nur von dem, was dort vor sich ging, durften sie lange nichts Genaues wissen.

Jetzt haben sie jemanden vor sich, der offenbar auspacken kann und womöglich sogar Agenten-Anekdoten mitbringt. Aber der Mann mit Schiebermütze und kariertem Wanderrucksack erfüllt nicht alle Erwartungen. Statt wie James Bond wirkt er eher wie ein Buchhalter in Militärstiefeln. Und er geizt mit vertraulichen Informationen. McLarren war Soldat und einer von etwa 1.000 Mitarbeitern der Anlage. Wie weit wurde von hier aus in den Osten gehorcht? McLarren sagt nur: sehr weit. Genauere Angaben seien nach wie vor geheim. Die Stasi vermutete seinerzeit eine Radar-Reichweite von etwa 2.000 Kilometern. McLarren und seine Kollegen nannten den Teufelsberg nicht umsonst den letzten Hügel vor Moskau.

Steine und Glassplitter knirschen unter McLarrens Sohlen, als er die Gruppe über einen asphaltierten Weg zum Empfangsgebäude führt. Mit leichtem amerikanischen Akzent warnt er vor lebensgefährlichen Stellen innerhalb der Anlage. Dann betritt man einen einstöckigen Flachbau mit zerborstenen Fensterscheiben, durch die das Sonnenlicht auf eine Schicht Müll am Boden fällt. Hier im Eingangsbereich kontrollierte die Militärpolizei alle Dienstausweise und wies selbst Generäle ab, wenn sie nicht ordentlich angemeldet waren. Ein enger Flur führt ins Innere des Baus. McLarren lässt die Gruppe ausschwärmen. Auf einer Tür am Ende des Flurs steht Platoon Headquarters, Hauptquartier des Wachbataillons. An einer Wand ist das Emblem der Militärpolizei als große Wandmalerei erhalten, umrahmt von reichlich frischem Graffiti.

Als die Gruppe draußen wieder zusammensteht, beklagt McLarren den Zustand des Gebäudes, so als würde er sich für seine unaufgeräumte Wohnung entschuldigen. Er engagiert sich im Veteranenverein und sagt »wir«, wenn er von den Alliierten spricht. 1972 war er nach dem Politikstudium eingezogen worden. Weil er Deutsch sprach, konnte er wählen: Er zog den Kalten Krieg in Berlin dem heißen in Vietnam vor. Zu den Vorteilen am Teufelsberg gehörte das tägliche Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich mit Schokoladenmilch. Kinderessen für Spione – die Gruppe lacht.

Jemand fragt, ob es einen Fluchttunnel oder unterirdische Bunker gab. Entsprechende Legenden geistern durchs Internet. Und der Gedanke liegt nahe: Bei einem Angriff der Sowjetunion wäre die Anlage wohl früh ins Visier gerückt. Doch der 115 Meter hohe Teufelsberg besteht zum Großteil aus schwer durchdringbarem Trümmerschutt. Von 1950 bis 1972 luden Lastwagen hier 25 Millionen Kubikmeter Trümmer ab, so viel wie an keinem anderen Ort in der Stadt. Sie wurden auf die Grundmauern der von Adolf Hitler geplanten Wehrtechnischen Universität getürmt. Bisher hat niemand einen Tunnel finden können. Und auch McLarren schüttelt den Kopf: Nein, der Berg selbst birgt kein Geheimnis.

Obenauf arbeiteten die Amerikaner im Dreischichtenbetrieb, um rund um die Uhr empfangsbereit zu sein. McLarren steuert das Herzstück der Anlage an, den Bürotrakt mit den Kuppeln auf dem Dach. Unter der weißen Kunststoffhülle der Kuppeln steckten die Radarschirme – so blieb deren Ausrichtung unsichtbar. McLarren hält unterwegs kurz vor einem Flachbau. Im schummerigen Innern sind verrostete Kessel zu erkennen: die Überreste der Pyrolyse-Anlage. »Hier wurden unsere Abhörprotokolle bei hoher Temperatur zersetzt«, sagt McLarren. »Es war so viel Papier, dass wir damit die Gebäude heizen konnten.«

Über eine Außentreppe entert die Gruppe den zweistöckigen Kasten, in dem die Papiere verfertigt wurden. Hier hatte McLarren Funkverkehr der NVA auszuwerten. »Wir mussten die Drecksarbeit machen«, sagt er. Wir – das waren die jungen Soldaten, die zwei bis drei Jahre blieben. Die Arbeitsbienen. In McLarrens Erzählungen schnurrt die knisternd spannende Spionagewelt, die manche Besucher insgeheim erwartet hatten, zu einer gleichförmigen bürokratischen Maschinerie zusammen. Eine Frau fragt, ob die Protokolle überhaupt etwas Wichtiges ergeben hätten. Oh ja, sagt McLarren, manche Informationen seien direkt dem US-Präsidenten zugegangen. Welche denn? Da wird er wieder undeutlich. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass die Amerikaner von hier aus etwa die Vorbereitungen der Sowjetunion für die Invasion in der Tschechoslowakei 1968 belauschten. Auch Gespräche zwischen DDR-Politbüro-Mitgliedern sollen sie mitgehört haben.

Von dem fensterlosen Büro, in dem McLarren sitzen musste, ist nicht mehr viel übrig. Die Investoren, denen das Gelände heute gehört, haben den Trakt entkernt. Geblieben sind nur Stahlträger und Betondecken. Hier sollten Luxuswohnungen entstehen. Der Baubeginn verzögerte sich, die Genehmigung verfiel. Mittlerweile liegt die Musterwohnung in einer Ecke des Bürogebäudes genauso vollgesprüht und verfallen da wie der Rest der Räume. Immerhin geht nun der Blick hinaus ins Offene, während McLarren früher vom Schreibtisch aus kein Tageslicht zu sehen bekam.

Im Treppenhaus ist es noch immer dunkel – stockdunkel. Die Gruppe tappt dem Dach entgegen. Man traut sich kaum, das Geländer anzufassen; wer weiß, was daran klebt. Dafür gibt es gleich anschließend, zwischen den Kuppeln auf der Dachplattform, ein berauschendes Weitwinkelpanorama: Aus dem Häusermeer der Hauptstadt ragt in der Ferne der Fernsehturm empor, über die glitzernden Havelseen schaut man hinweg in den Brandenburger Horizont. Hier könnte später einmal eine Caféterrasse stehen – wenn aus den jüngsten Investorenplänen etwas wird und die Anlage als Mischung aus Museum und Ausflugsort erhalten bleibt.

Berliner Teufelsberg

Die Führungen durch die Abhörstation auf dem Teufelsberg finden jeden Sonntag um 14 Uhr statt. Die Tour kostet 15 Euro und dauert etwa zwei Stunden. Informationen über www.berlinsightout.de

Vom Flachdach aus kann man noch einmal etwas höher steigen, in den fünfstöckigen Turm hinein, der sich über den Bürotrakt erhebt. Der weiße Kunststoff, mit dem das Turmgerippe verkleidet war, hängt nur noch in Fetzen herab, der offene Fahrstuhlschacht ist ungesichert. Die Kuppeln auf dem Flachdach wirken von oben, als hätte ein Riese sein Spielzeug liegen gelassen.

1994 verließen Amerikaner und Briten die Station. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und mit der Weiterentwicklung der Satellitentechnik war die Anlage überflüssig geworden. McLarren, verheiratet mit einer Deutschen, hatte die letzten aktiven Abhörjahre damit zugebracht, Mitarbeiter der Station zu überprüfen. Oben im Turm erzählt er von Doppelagenten und Gegenspionage, während eine zerfledderte Kunststoffbahn im Wind flattert wie ein riesiges Taschentuch, das zum Abschied in den Himmel winkt. Nahebei sitzt eng umschlungen ein Pärchen mit Rastalocken, das offenbar an den Wachleuten vorbei durch den Zaun klettern konnte. Fehlte nur, dass es Christopher McLarren zum Abschluss ein make love, not war zuriefe.

Quelle: http://www.zeit.de

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