Gendermedizin: Rosa Pillen, blaue Pillen

By | January 21, 2013

Die Patientin wurde mit Druck auf der Brust und Halsschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert. In der Notaufnahme der Uni-Klinik verschrieb man ihr Schmerztabletten und schickte sie zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Als die Rechtsanwaltsgehilfin wenige Tage später erneut mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert wurde, zeigte ein EKG: die Patientin, gerade mal 38 Jahre alt, hatte schon vor Wochen einen Herzinfarkt erlitten.

Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek kennt viele solcher Fälle. Bei Patientinnen äußerten sich Symptome eines Herzinfarktes oft differenzierter als bei Männern. Manche klagen über Übelkeit, Schweißausbrüche oder Rückenschmerzen. Weil die Medizin eher ein männliches Neutrum im Blick habe, würden solche Anzeichen oft fehlgedeutet, zu Lasten vieler Patientinnen. “Aber auch Frauen selbst unterschätzen ihr Herzinfarktrisiko, wir brauchen mehr Aufklärung in dem Bereich”, so Regitz-Zagrosek. Die Kardiologin kann eine langjährige Laufbahn in einer klassischen Männerdisziplin an der Charité vorweisen. Heute leitet sie an der Charité das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM).

Wegbereiterinnen dieser jungen Disziplin aber waren Amerikanerinnen. Als Anfang der neunziger Jahre die Ärztinnen Elizabeth Barrett Connor und Bernadine Healy Belege lieferten, dass Herzen von Frauen und Männern Unterschiede aufweisen, ebneten sie den Weg für die sogenannte Gendermedizin.

“Unsere Medizin ist eher auf den Mann vorbereitet, der als Notfall in die Klinik kommt, und weniger auf die Frau, die erst später ärztlichen Rat sucht”, sagt Regitz-Zagrosek. Das GiM ist hierzulande die einzige Einrichtung, in der sich Wissenschaftlerinnen bemühen, Forschungslücken aufzuholen. Es geht darum, geschlechtsspezifische Unterschiede zu erkennen und bei Diagnostik und Therapie besser zu berücksichtigen. Doch so etabliert wie in den USA ist die Gendermedizin in Deutschland lange nicht.

Während das Herzinfarktrisiko für Männer sinkt, steigt es bei Frauen an

Beim jährlichen Symposium für Gendermedizin, das vor wenigen Tagen stattfand, machten Wissenschaftlerinnen auf die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufmerksam. Die jüngsten Studien sprechen für sich: Während die Zahl der Herzinfarkte in den letzten Jahren drastisch reduziert wurde, stieg das Risiko bei Frauen unter 60 Jahren an – zwischen 1995 und 2010 von zehn auf rund 14 Prozent. Ebenso ist es statistisch erwiesen, dass Patientinnen öfter an Herzinfarkten sterben.

Verspätete Diagnosen und Therapien spielen eine wesentliche Rolle in diesem Zusammenhang, kritisieren Wissenschaftler. In diesem Jahr startet deshalb BEFRI, die Berliner Frauen-Risikoevaluation. 1000 Frauen sollen in einer repräsentativen Befragung ihre Selbsteinschätzung bezüglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen abgeben. In einer anschließenden Untersuchung soll die Diskrepanz zu objektiven Gesundheitsdaten ermittelt werden, Wissenschaftlerinnen wollen auch neue Risikofaktoren ermitteln. Vorhofflimmern, Depressionen, Kindheitstraumata oder Schwangerschaftskomplikationen spielen offenbar eine Rolle, vermutet man.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in etlichen Fachbereichen

Regitz-Zagrosek und ihren Kollegen geht es nicht nur um kardiologische Erkrankungen. In 40 Fachbereichen forscht das GiM, heißt es. Auch bei Diabetes, Schlaganfall, in der Zahnheilkunde, der Komplementärmedizin, in der Hirnforschung oder in der Psychiatrie gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede.

Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Zusammenhang die Medikation. “Es gibt nur ein Arzneimittel, das unterschiedliche Therapien vorschreibt, und das ist das Mittel gegen Haarausfall”, sagt Karen Nieber, Professorin für Pharmakologie an der Uni Leipzig. Ihr geht es um die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte in der Arzneimitteltherapie. Das Problem: Bei Studien zu Volkskrankheiten oder Tests mit neuen Medikamenten sind es nach wie vor meistens junge, gesunde Männer, die zu Forschungszwecken herangezogen werden. Dabei, so betonen Wissenschaftler der Gendermedizin, besäßen viele Organe des menschlichen Körpers ein Geschlecht.

Beispielsweise funktioniere der Magen-Darm-Trakt bei Männern anders, Enzyme seien aktiver und führten dazu, dass Alkohol schneller abgebaut werde. Weibliche Körper weisen hingegen einen höheren Fett-, männliche Körper einen höheren Plasmaanteil auf. “Medikamente verteilen sich deshalb unterschiedlich”, sagt Nieber. Welche Konsequenzen das nach sich zieht, zeigte der neueste Arzneimittelreport. Frauen weisen mehr Nebenwirkungen auf als Männer. “Sie sind oft überdosiert”, sagt Nieber und fordert, Therapien dahingehend anzupassen. Allerdings, so die Pharmakologin, fehle die Grundlage. “Derzeit sind wir noch dabei, die Daten zu sammeln”, sagt Nieber.

Mit BEFRI erhoffen Wissenschaftlerinnen sich eine neue Öffentlichkeit für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bessere Diagnostik in Kliniken, mehr Prävention, darum geht es. Übergewicht spiele eine große Rolle, auch Nikotinkonsum in Verbindung mit der Einnahme der Anti-Baby-Pille habe einen großen Einfluss. “Wir müssen vor allem die Frauen erreichen, sonst rollen wir auf eine Gesundheitskatastrophe zu”, sagt Regitz-Zagrosek.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

 

Von:

http://www.spiegel.de/

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