Mediziner-Weiterbildung: Zu viel Learning by Doing

By | May 12, 2013

Fachärzte in Deutschland werden erschreckend unsystematisch ausgebildet. Was geändert werden muss, erklärt Hendrik van den Bussche von der Universität Hamburg.

DIE ZEIT: Ärzte würden ihre Weiterbildung zum Facharzt im Grunde nebenher machen, sagen Sie. Einen wirklichen Standard, den man beherrschen müsse und der auch überprüft werde, gebe es nicht. Werden in deutschen Kliniken schlechtere Fachärzte ausgebildet als anderswo?

Hendrik van den Bussche: Einen belastbaren internationalen Vergleich über die Qualität der Fachärzte und der Facharztweiterbildung gibt es nicht. Was aber feststeht: Nach sieben Jahren hatten weniger als zwei Drittel der Männer und gerade einmal die Hälfte der Frauen eine fachärztliche Weiterbildung abgeschlossen, das ergab eine Studie der Landesärztekammer Hessen 2004. Nach elf Jahren waren es bei den Ärztinnen noch immer weniger als zwei Drittel. Dabei sollen die meisten Weiterbildungen in der Medizin gemäß Weiterbildungsordnung fünf bis sechs Jahre dauern.

ZEIT: Woran liegt das?

Van den Bussche: Unter anderem an dem Unterschied zwischen dem, was verlangt wird, und dem, was man in der Praxis tatsächlich machen und lernen kann. Man braucht in der Regel eine gewisse Zahl von bestimmten Untersuchungen und Behandlungen und eine gewisse Zeit auf verschiedenen Stationen. In vielen kleineren Krankenhäusern aber gibt es manche Untersuchungen fast gar nicht, die für den Facharzt verlangt werden. So gehen den Assistenzärzten dann Jahre verloren. Unter den jungen Kollegen und Kolleginnen entsteht da manchmal ein regelrechter Konkurrenzkampf um die besonders begehrten Untersuchungen. Wer in Teilzeit arbeitet, für den oder die ist es noch schwieriger. Zeiträume von weniger als sechs zusammenhängenden Monaten werden in der Regel gar nicht anerkannt. Das kann in Einzelfällen sehr ärgerlich sein. Es gibt Ärztinnen, die waren fünf Monate und drei Wochen auf einer Station und sind in der letzten Woche in Mutterschutz gegangen. Anerkannt wurde ihnen dann kein einziger Tag. Offenbar will man hier aber kulanter werden.

ZEIT: Es sind also schon Verbesserungen geplant?

Van den Bussche: Ja, aber nur im Detail. Man hört des Öfteren, dass Chefärzte ihren Assistenzärzten in Weiterbildung die notwendigen Operationen oder Untersuchungen bescheinigen, selbst wenn sie weniger davon durchgeführt haben. Das elementare Problem aber, das alles überragt, ist: In den ärztlichen Weiterbildungsordnungen stehen als Anforderungen nur Zeiten und Mengen. Man muss so und so lange in der Kardiologie gearbeitet haben und so und so viele Ultraschalluntersuchungen gemacht haben, um Kardiologe zu werden. Beschrieben ist aber nicht, was ein Kardiologe am Ende der Weiterbildung können muss und wie er diese Qualifikation erwirbt.

ZEIT: Es gibt doch eine Facharztprüfung am Ende.

Van den Bussche: Ja, eine mündliche Prüfung, die eine halbe Stunde dauern soll. Das reicht für eine gründliche Prüfung der Qualifikation keineswegs aus. Sonst gibt es keine systematische Überprüfung der Qualifikation: keine Präsentationen in Seminaren, keine Klausuren, keine Zwischenprüfungen, nichts. Die meisten denken nicht an ihre Facharztausbildung, in der sie ja eigentlich die ganze Zeit sind – erst kurz vor der mündlichen Prüfung fangen sie an, in die Bücher zu schauen. Denn die Weiterbildung ist nicht das Ziel der Arbeit, sondern ein Nebenprodukt: Man arbeitet und sammelt dabei seine Nachweise. Learning by Doing. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine Struktur in der Weiterbildung, die garantiert, dass alle Fachärzte das Gleiche auf hohem Niveau lernen.

Hendrik van den Bussche

Der Mediziner Hendrik van den Bussche ist Professor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitete bis 2011 das Institut für Allgemeinmedizin.

ZEIT: Wie ließe sich die Facharztausbildung verbessern?

Van den Bussche: Zunächst einmal brauchen wir eine Struktur, ein Curriculum, in dem sich die Ärzte und Ärztinnen bewusst in Richtung Facharzt bilden. Wichtig dazu sind nicht nur praktische Arbeiten, sondern auch Seminare und zielgerichtete theoretische Veranstaltungen. Hierzulande bilden sich Assistenzärzte durchschnittlich nur vier Stunden im Monat fort, und die sind noch nicht einmal verpflichtend. Den Rest der Zeit arbeiten sie praktisch. Praxis ist wichtig, aber das ist für meinen Geschmack zu viel Learning by Doing und zu wenig Vermittlung von Hintergrundwissen. Man bräuchte also eine bessere Kombination von Praxis und Theorie.

ZEIT: Kümmert man sich in anderen Ländern besser um die auszubildenden Ärzte?

Van den Bussche: Jedenfalls strukturierter. In Belgien finden etwa 20 Prozent der Facharztausbildung in Seminaren statt. Außerdem ist man dort und auch in Frankreich weiterhin Student der Universität, sie organisiert und verantwortet die Facharztausbildung und stellt am Ende ein universitäres Diplom dafür aus. Wer dort einen Facharzt macht, erhält auch eine kontinuierliche theoretische Ausbildung, in der noch einmal die Diagnostik und die Therapieoptionen wichtiger Krankheiten durchgenommen werden.

ZEIT: So versteht man in der Praxis besser, was man eigentlich macht.

Van den Bussche: Genau. Außerdem müssen die Facharztanwärter selber Arbeiten verfassen, sie müssen kritisch medizinische Studien – etwa Untersuchungen über die Wirksamkeit von Medikamenten – bewerten. Das alles ist hierzulande unbekannt. Hier stellt die Ärztekammer die Facharztbescheinigung aus, nicht die Universität. Das spiegelt die unterschiedlichen Mentalitäten wider. Es wäre meiner Meinung nach viel gewonnen, wenn Universitäten und Ärztekammern miteinander über die besten Wege zum Arzt und zum Facharzt reden würden. Schließlich betrifft das fast jeden Mediziner: Bei einer bundesweiten Erhebung unseres Instituts haben fast 97 Prozent der Absolventen hinterher auch eine Facharztausbildung angefangen. Aber wenn die Weiterbildungsbedingungen im Krankenhaus weiterhin so schwierig und unerfreulich bleiben, könnte es sein, dass immer mehr Ärzte ihre Facharztausbildung abbrechen und abwandern, zum Beispiel in die Arbeitsmedizin oder in die Pharmaindustrie. Ärzte werden ja zurzeit in vielen Bereichen gesucht. Das gilt insbesondere für Ärztinnen, die inzwischen zwei Drittel der Absolventen des Medizinstudiums ausmachen, aber auch Männer sind mit den Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen nicht gerade zufrieden.

ZEIT: Was ließe sich dagegen unternehmen?

Van den Bussche: Zuerst einmal brauchen wir viel mehr Flexibilität. Teilzeitarbeit und Teilzeitfacharztausbildung sollten erleichtert werden. Dazu ist es aber nötig, dass zum Beispiel die Zeiten für Besprechungen geändert werden, Stichwort “Schwedisches Modell”, wo keine Besprechung und Visite nach 16 oder 17 Uhr stattfindet. Das alles käme der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie entgegen. Aber die meisten Krankenhäuser müssten dazu erst einmal ihre Betriebsabläufe gründlich ändern. Zur Flexibilität gehören auch neue Formen des Lernens wie E-Learning-Angebote, die man zeitlich unabhängig absolvieren kann. Wenn daneben regelmäßig und intensiv geprüft wird, stellt man sicher, dass ein Grundniveau an Qualifikation von allen erreicht wurde. Außerdem sollte man versuchen, sich die spätere fachärztliche Tätigkeit vor Augen zu führen – und danach die Weiterbildung auszurichten.

ZEIT: Tut man das denn nicht?

Van den Bussche: Kaum. Bei uns in der Medizin müssen alle zunächst die Qualifikation eines spezialisierten Facharztes erwerben – dann erst dürfen sie sich als Facharzt niederlassen. Eine niedergelassene Frauenärztin zum Beispiel hat in der Ausbildung Hunderte von Geburten geleitet – wenn sie sich aber später niederlässt, betreut sie keine einzige Geburt mehr. Sie hat viele Frauen operiert, in dem Moment aber, wo sie sich niederlässt, macht sie oft auch keine Operationen mehr. Das ist im Grunde, als würde man jemanden, der eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker macht, erst zur Lufthansa-Werft schicken, um an Flugzeugmotoren zu arbeiten, obwohl er später mit Kfz-Motoren zu tun hat. Daher wäre es sinnvoll, zu differenzieren: zwischen einer Weiterbildung für weitere Arbeiten im Krankenhaus und einer Weiterbildung, die zum Arbeiten als niedergelassener Facharzt qualifiziert.

ZEIT: Ist denn in naher Zukunft eine umfassende Reform der Weiterbildung von Ärzten in Sicht?

Van den Bussche: Auf dem letzten Ärztetag hieß es, man wolle die Weiterbildungsordnung innerhalb der nächsten zwei Jahre reformieren. Ich befürchte allerdings, dass es überwiegend nur Detailkorrekturen geben wird. Denn für die Chefärzte im Krankenhaus ist das bestehende System eigentlich ideal: Sie haben die Arbeitskräfte fast ganz für sich, müssen sie kaum für Fortbildungen entbehren, und dadurch, dass sie ihnen die Weiterbildung bescheinigen, sind die Assistenzärzte auch noch von ihnen abhängig. Warum sollten sie ein Interesse daran haben, das zu ändern?

 

Erstmalig veröffentlicht auf:

www.zeit.de/2013/12/weiterbildung-mediziner-facharzt-interview

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